Wald ist immer ein Generationenvertrag

Im Gespräch mit Förster Dr. Georg Berkemeier

Um einen Wald kennenzulernen, muss man ihm vier Fragen stellen: Wer bist du? Woher kommst du? Was ist deine Geschichte? Und wohin gehst du? Das sagt Förster Dr. Georg Berkemeier im Video „Einführung in die Holzwirtschaft“ auf NRWeb.TV. Nach über 25 Jahren als Fortbetriebsbeamter kennt er selbstverständlich schon alle Antworten seines Waldes auf diese Fragen.

Wenn es um Bäume und Wälder geht, ist Dr. Georg Berkemeier in seinem Element. Als Förster beim Forstbetriebsbezirk Ibbenbüren-Tecklenburg und promovierter Umwelthistoriker verfügt er über einen beachtlichen Wissensschatz, den er gerne teilt. Einerseits mit den vielen privaten Waldbesitzenden und den Kommunen der Forstbetriebsgemeinschaft, andererseits auch mit Kindern im Rahmen von Umweltbildungsprojekten. Wir haben mit ihm über diese Projekte, seinen Beruf und den Ibbenbürener Wald gesprochen.

Herr Berkemeier, was macht einen guten Förster aus?

Viele glauben, die Liebe zur Natur reicht, um Förster zu werden. Ganz so einfach ist es aber nicht. Der Beruf wird oft romantisiert, aber wir Forstleute sind Kinder der Aufklärung. Den Berufsstand gibt es seit ca. 300 Jahren, 250 Jahre davon als akademische Forstausbildung. Neben der Begeisterung für den Wald, sollte man auch ein Faible für das Fach Statistik haben. Das überrascht viele Menschen. Ich würde sagen, ein guter Förster findet für seinen Wald die Balance zwischen Naturschutz-, Sozial- und Nutzfunktion, also Holzwirtschaft.

Sie streifen also nicht den ganzen Tag durch den Wald?

Das ist für mich zwar der schönste Teil meines Berufs, aber ich verbringe fast die Hälfte meiner Arbeitszeit im Büro mit Dokumentation und Planung. Es ist sehr wichtig, die Verwendung von Fördergeldern zu dokumentieren. Daneben bin ich Ansprechpartner für die privaten Waldbesitzenden der Region. Die meisten von ihnen haben kleine Waldflächen geerbt, deshalb sind es relativ viele.

Wenn die Waldstücke vererbt wurden, von wie vielen Generationen sprechen wir dann?

Von gar nicht mal so vielen, denn entgegen häufiger Annahmen ist unser Wald noch relativ jung. Vor 200 Jahren war der Teuto kahl von Detmold bis zum Nassen Dreieck. Er wurde erst im 19. Jahrhundert aufgeforstet. Davor prägten eher Heidelandschaften die Region.

Der Wald ist also noch jung, aber zeigt trotzdem schon Auswirkungen des Klimawandels?

Ja, der Klimawandel ist auch im Wald spürbar, aber wir haben in Ibbenbüren noch viel Glück gehabt, weil die ursprünglich für den Bergbau angebaute Kiefer gut mit Trockenheit und Wärme zurechtkommt. Die Katastrophe hatten wir bei der Fichte, denn die stammt eigentlich aus dem kühlen Norden Europas und hohen Mittelgebirgen und braucht viel Niederschlag. Borkenkäferprobleme hatten wir immer schon, aber durch die Trockenheit der letzten zwei Jahre wurde die Fichte extrem geschwächt. Das ist besonders deshalb tragisch, weil sie im gesunden Zustand eigentlich der Hauptfeind des Borkenkäfers ist. Insgesamt hatten wir in der Region etwa zehn Prozent Fichte, davon haben wir die Hälfte verloren.

Als Optimist weiß ich jedoch von den Selbstheilungskräften der Natur: Wenn die Buchen auf einem Kalkkamm kaputtgehen, lassen sie die Eichen durch, die vorher ein Schattendasein gefristet haben und sich jetzt endlich frei entwickeln können. Der Wald ist resilient und rettet sich selbst.

Welche Lehren zieht man für die Zukunft daraus?

Wenn man mal ehrlich ist, hat man die Lehren schon 1886 gekannt. Schon im Standardwerk „Der gemischte Wald“ aus diesem Jahr steht, dass man in unseren Breitengraden besser keine Fichten anpflanzt, aber vor 70 Jahren, nach dem zweiten Weltkrieg, wollte man möglichst schnell Bauholz hochziehen. Da ergab die Pflanzung durchaus Sinn.

Und heute werden Eichen gepflanzt?

Unter anderem, ja, denn der Eiche geht es gut in unseren Wäldern. Noch wohler fühlt sie sich allerdings in Südfrankreich, was ja dafürspricht, dass sie auch bei uns mit steigenden Temperaturen und längeren Trockenphasen zurechtkommen wird. Heute planen wir mit Laubmischwäldern, in denen auch Wildkirsche, Bergahorn, Flatterulme, Erle oder Bäume aus dem Mittelmeerbereich wie Edelkastanie oder Nussbaum gepflanzt werden. Deutschland ist eigentlich Buchenland, aber für Buchen wird es hier zu trocken. Es wird in Ibbenbüren in absehbarer Zeit Bereiche geben, wo Buchen gar nicht mehr überleben können.

Wenn wir über die Zukunft sprechen: Haben wir falsche Entscheidungen für den Wald getroffen?

Wir baden jetzt aus, was vor 70 Jahren entschieden wurde. Wald ist immer ein Generationenvertrag. Wir können nur vom Stand jetzt und den Prognosen der Klimaexperten ausgehen. Und wir können es uns leisten, auf Eiche zu setzen, weil wir auf eine weitere Generation hoffen, die kein Bauholz für den Krieg braucht. Hätten die Menschen früher gewusst, dass es uns heute so gut gehen würde, hätten sie wahrscheinlich andere Entscheidungen getroffen. Auch deshalb ist Waldpädagogik so wichtig: Wir müssen jungen Menschen ein Bewusstsein für die Umwelt vermitteln und für die Folgen ihrer Entscheidungen sensibilisieren. Aber ich bin optimistisch, dass unsere Nachfahren später noch zufrieden mit unserer Planung sein werden.

Warum ist es wichtig, mit Kindern in den Wald zu gehen?

Zum einen sind Kinder heute zwar digital super unterwegs und interessiert, aber sie kommen nicht mehr so viel raus und Natur um die Nase tut einfach gut. Zum anderen kann man nur lieben, was man kennt. Und wer keinen Bezug zum Wald hat, dem ist sein Schutz vielleicht auch nicht so wichtig.

Wie vermitteln Sie Kindern die Liebe zum Wald?

Indem sie auf eigene Faust entdecken und auch mal ein bisschen toben dürfen. Auch wenn es vielleicht banal klingt, geht es viel darum, die Natur zu berühren und mit allen Sinnen zu erfahren. Heute nennt man das vielleicht Achtsamkeitsübung, aber als wir das vor ein paar Jahren schon gemacht haben, war davon natürlich noch keine Rede. Wir nehmen den Wald bewusst mit unseren Sinnen wahr und lernen nebenbei die Buche und Eiche zu beschreiben. Solche Basics sollte jedes Kind lernen.

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